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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 20.01.2022:

„Kinder entwickeln schneller Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, wenn sie ein Fach in ihrer Muttersprache meistern.“

Der Verein „Back on Track“ hilft Bildungslücken zu schließen

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Bildrechte: Back on Track e.V.

Viele Kinder und Jugendliche, die nach Deutschland kommen, haben bedingt durch Krieg und Flucht lange nicht am Bildungssystem teilnehmen können. In der Schule sind sie oft damit überfordert, Unterrichtsinhalte in einer neuen Sprache zu verstehen und Versäumtes nachzuholen. Der Verein „Back on Track“ unterstützt diese Kinder, indem arabischsprachige Lehrkräfte am Wochenende gezielt mit den Kindern in ihrer Muttersprache an den Fächern arbeiten, in denen sie Hilfe brauchen.


Jeden Samstag von 14 bis 16 Uhr lernen Kinder und Jugendliche aus Syrien und dem Irak im Nachbarschaftshaus „Kiezspinne“ in Berlin-Lichtenberg gemeinsam mit Mentor*innen, um den Schulstoff nachzuholen, den sie durch Krieg und Flucht versäumt haben. Die Mentor*innen kommen ebenfalls aus arabischen Ländern und sprechen mit den Kindern in ihrer Landessprache. Das Angebot des Vereins „Back on Track“ ist offen und freiwillig, doch die meisten Kinder freuen sich die ganze Woche darauf und können den Samstag kaum erwarten.

Der Verein „Back on Track“

Der von Petra Becker im Jahr 2016 in Berlin gegründete Verein „Back on Track“ heißt so viel wie „Wieder auf Kurs/Zurück in der Spur“. Die studierte Islam- und Politikwissenschaftlerin hat 14 Jahre in Syrien gelebt, war von 2003 bis 2012 Leiterin des Sprachendienstes an der deutschen Botschaft in Damaskus und kehrte 2012 wegen des ausbrechendes Krieges mit ihren beiden Töchtern, die in Syrien aufgewachsen sind, zurück nach Deutschland. Obwohl die Mädchen schon damals fließend Deutsch sprachen, taten sie sich zunächst schwer im deutschen Schulsystem. Als 2015 dann viele Kinder und Jugendliche mit ihren Familien aus Syrien nach Deutschland kamen und vor noch stärkeren Problemen standen als zuvor ihre Kinder, weil sie kein Deutsch sprachen und auch nicht auf die Unterstützung ihrer Eltern hoffen konnten, entstand in ihr der Wunsch, zu helfen und diese Kinder zu unterstützen.

Petra Becker gründete den von Privatspenden und Stiftungsgeldern finanzierten Verein „Back on Track“ und bot unter Mithilfe von syrischen Freunden, die ebenfalls in Berlin lebten, samstags und sonntags nachmittags Lernbegleitung in den Fächern Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften an. Zunächst in der Notunterkunft Ruschestraße und seit Januar 2017 in dem Nachbarschaftszentrum „Kiezspinne“. Da der Zulauf enorm war, musste sie sich schon bald nach einem zweiten Standort umschauen. Seit Herbst 2018 begleiten Mentor*innen die Grundschulkinder und Schüler*innen der Sekundarstufe am Wochenende auch in der Begegnungsstätte „Ulme35“ in Berlin-Charlottenburg. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie waren im Schnitt 35 Kinder und Jugendliche an beiden Standorten regelmäßig anwesend, die von 20 Mentor*innen betreut wurden. Mit Beginn der Pandemie und den daraus folgenden Kontaktbeschränkungen mussten die Präsenzangebote auf Online-Angebote umgestellt werden und sind es zum großen Teil auch heute noch. „Ausgefallen sind die Angebote aber in der ganzen Zeit nie“, erzählt Petra Becker. Seit September 2021 dürfen wieder begrenzt zehn Kinder und zehn Mentor*innen jeweils in der Kiezspinne und in der Ulme empfangen werden.

Ein passendes Angebot
Syrische und irakische Kinder leiden sehr unter dem Krieg in ihren Heimatländern. Viele hatten über Jahre, auch während der Flucht, keinen Zugang zum Bildungssystem. Ihnen fehlt eine Menge an Unterrichtsstoff, viele können kaum lesen und schreiben und haben nur geringe Chancen, einen Schulabschluss zu erwerben. Nach ihrer Ankunft in Deutschland kommen sie zuerst in die Willkommensklassen, in denen sie ausschließlich Deutsch lernen und den Anschluss an Englisch, Mathematik und andere Fächer weiterhin verlieren. Beim Übergang in die altersentsprechenden Regelklassen ist die Überforderung für die Schüler*innen, aber auch für die Lehrkräfte und Eltern, damit meist vorprogrammiert. Nicht wenige verlassen die Schule nach der zehnten Klasse ohne Abschluss, weil sie das Pensum nie aufholen konnten.

Bei „Back on Track“ wird mit den Kindern und Jugendlichen deshalb nach schwedischem Vorbild erst einmal ein Einstufungstest in ihrer Muttersprache durchgeführt. „In Schweden werden die Kinder in den Kernfächern in ihrer Muttersprache eingestuft, damit festgestellt werden kann, welche Kompetenzen sie aufweisen. Anschließend besuchen sie altersgerecht die Regelklasse und bekommen zusätzlichen Förderunterricht in den Bereichen, in denen sie Unterstützung brauchen“, erklärt Petra Becker. Für die Mentor*innen bei „Back on Track“ ist es wichtig, zu wissen, auf welchem Wissensstand die Kinder sind, damit sie mit ihnen passgenau arbeiten können. Die Mentor*innen, die überwiegend ebenfalls aus arabischen Ländern nach Deutschland gekommen sind, sind gut ausgebildet. Sie waren in ihrer Heimat u.a. Lehrer*innen, Jurist*innen, Naturwissenschaftler*innen oder Erziehungswissenschaftler*innen. „Alle sind froh, Sinnvolles tun zu können und ihre Fähigkeiten auch in Deutschland einsetzen zu können“, weiß Petra Becker. Vor ihrem Einsatz werden sie geschult, damit sie genau wissen, wie sie die Bildungslücken der Kinder schließen und diese wieder zum Bildungsstand ihrer Altersgruppe aufschließen können.

„Gemeinsam mit „Die Wille gGmbH“ und auf zwei Jahre gefördert durch den Europäischen Sozialfonds sowie unterstützt durch die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen, haben wir von April 2019 bis Januar 2021 in zwei 11-monatigen Durchgängen unsere Mentor*innen und andere geflüchtete Pädagog*innen fit gemacht. Damit sind sie nicht nur für ihre Aufgabe als Mentor*innen besser gerüstet, sondern können unseren Ansatz als Multiplikator*innen auch weitertragen und sich dabei grundlegendes Wissen über das deutsche Schulsystem erarbeiten“, informiert Petra Becker. Die Weiterbildung umfasste die Themen „Bildung und Bildungsziele in Deutschland“, „Medienkompetenz“, „Kinderrechte und Kinderschutz“, „Gewaltfreie Kommunikation“, „Kognitive Entwicklung“, „Selbstorganisiertes Lernen“, „Umgang mit Zweisprachigkeit“ und „Trauma und Lernen“. Alle Inhalte wurden nicht nur zweisprachig vermittelt, sondern durch eine DaZ-Kraft noch einmal im Deutschen sprachlich vertieft. Seit April 2021 wird mit „BAB - Bereit für Arbeit im Bildungsbereich“ ein neues Weiterbildungsprojekt für geflüchtete Pädagog*innen umgesetzt.

Selbstorganisiertes Lernen
„Mit der Methode des selbstorganisierten Lernens, mit der die Kinder und Jugendlichen herangeführt werden, selbst Gestalter*in ihres Lernprozesses zu werden, hatten die meisten Mentor*innen anfangs Probleme“, berichtet Petra Becker. In einem Bildungssystem sozialisiert, in dem nur Frontalunterricht stattgefunden hatte und Lernen im Wesentlichen mit Auswendiglernen gleichgesetzt wurde, fiel es den Mentorinnen und Mentoren am Anfang schwer, Vertrauen in dieses Konzept zu entwickeln. Bei der Methode bestimmen die Kinder selbst, in welchem Fach und in welchem Umfang sie Unterstützung brauchen. Und die Mentor*innen überlegen dann gemeinsam mit den Kindern, wie sie sie unterstützen können, damit diese ihr Lernziel erreichen. Hilfe kam von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Gemeinsam mit „Back on Track“ konzipierte sie Anfang 2017 ein Erasmus+Projekt, in dessen Rahmen ein Workshop zur Fortbildung von geflüchteten Lehrer*innen in unterschiedlichen europäischen Ländern durchgeführt und optimiert wurde. Im Rahmen dieses Projekts wurde auch erarbeitet, wie man geflüchtete Kinder am besten in das deutsche Schulsystem integrieren kann.

Im Herbst 2019 wurde das Projekt abgeschlossen und 2020 sogar als Erasmus+ Success Story gewürdigt. Das Fortbildungskonzept ist öffentlich zugänglich und kann auch von anderen Projekten genutzt werden. Aufbauend auf dem sogenannten ENABLE-Projekt setzt der Verein gemeinsam mit der PH Schwäbisch Gmünd derzeit ein weiteres Erasmus+ Projekt unter dem Namen PARENTable um, das Eltern und Lehrkräfte von geflüchteten Schüler*innen zusammenbringt. Denn oft scheitert die Bildung junger Migrant*innen an den Missverständnissen zwischen Schule und Elternhaus.

Arbeit in Muttersprache ist entscheidend

Dass die Mentor*innen mit den Kinder in ihrer Muttersprache lernen - ein*e Mentor*in arbeitet immer mit ein bis zwei Kindern - garantiert, dass beide sich gegenseitig gut verstehen und in einer entspannten Atmosphäre gelernt werden kann. „Kinder entwickeln schneller Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, wenn sie ein Fach in ihrer Muttersprache meistern“, meint Petra Becker. „Es ist toll für sie zu erleben, dass sie angstfrei kommunizieren können und ihre Mentor*innen genau wissen, was sie brauchen, weil sie ihren kulturellen und Bildungshintergrund kennen. In der Schule sind sie zumindest in den ersten Jahren permanent unter Stress“, ergänzt sie. Neben dem Unterrichtsstoff vermitteln die Mentor*innen den Kindern auch Kenntnisse in der arabischen Sprache. Kontakt zu den ehrenamtlichen Mentor*innen hat Petra Becker über ihr gut funktionierendes Netzwerk in der syrischen Community hergestellt. „Der Rest war Mundpropaganda.“ Viele Mentor*innen sind außerdem zunächst als Eltern gekommen und schnell Teil des Teams geworden.

„Für die Kinder ist entscheidend, den Druck, der von Schule und Elternhaus ausgeübt wird, herauszunehmen“, betont Petra Becker. „Wenn ein Kind jede Woche freiwillig in eine Einrichtung kommt, in der gelernt wird, und dabei Lernen mit Wohlfühlen assoziieren kann, ist für dessen Bildung viel gewonnen“, ergänzt sie. Für die Eltern steht in den Bildungseinrichtungen ein gesonderter Raum zur Verfügung, in dem sie mit dem „Back on Track“-Team Deutsch üben oder sich über Bildungs- und Erziehungsfragen austauschen können. Von 2017 bis 2019 wurden auf Initiative des Verbands Deutsch-Syrischer Hilfsvereine e.V. - VDSH auch Elternseminare für arabischsprachige Migrant*innen zum Thema „Wie unterstütze ich mein Kind im deutschen Bildungssystem“ durchgeführt.

Back on Track Youth
Seit 2019 steht zusätzlich die Zielgruppe der über 16-jährigen Jugendlichen im Fokus. Viele Jugendliche kommen so spät nach Deutschland, dass sie nicht mehr genügend Zeit haben, sich auf den Mittleren Schulabschluss (MSA) vorzubereiten. Schaffen sie das bis sie 16 Jahre alt sind nicht, müssen sie im Allgemeinen an ein Oberstufenzentrum wechseln, um dort den MSA nachzumachen. Für viele funktioniert dieser Weg nicht und sie verlassen die Schule ohne Abschluss, obwohl sie eigentlich viel mehr Potenzial hätten. „Wir machen diese Jugendlichen mit unserem Selbstlernansatz vertraut. Mit unseren Mentor*innen können sie Fachwissen aufarbeiten. Unterstützt werden sie dabei von einer arabischsprechenden Sozialarbeiterin und einer Bildungsberaterin. Aktion Mensch fördert dieses Projekt für drei Jahre“, freut sich Petra Becker.

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind außerdem zunehmend deutschsprachige Pädagog*innen als Mentor*innen im Einsatz, da die Lernlücken in Deutsch, die durch den Lockdown und die Schulschließungen zusätzlich entstanden sind, geschlossen werden müssen.

 

 

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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 20.01.2022
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